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Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 2011, 96. Band: Auf 389 Seiten bietet der 96. Band der Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins in diesem Jahr wieder ein breites Themenspektrum. Diesmal liegt einer der Schwerpunkte in der Zeitgeschichte. Dem ersten Beitrag über die Gießener Soziologin und Frauenrechtlerin Henriette Fürth folgt ein Blick auf die Militärgeschichte Gießens, danach ein Beitrag zum Wiederaufbau Gießens nach 1945. mehr»»
Gießer Anzeiger 6.2.2009
Große Berichterstattung über Frauenversammlung 1913
Kunsthistorikerin Dagmar Klein referiert beim Geschichtsverein
über Gießener Frauenvereine zu Beginn des 20. Jahrhundert
GIESSEN (uhg). Drei Tage lang stand die Universitätsstadt
Gießen ganz im Zeichen der Frauen: Vom 5. bis 8. Oktober 1913
fand hier die 27. Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Frauenvereins (ADF) statt. Dass diese reine Frauenveranstaltung
doch von beachtlichem Interesse war, belegt die Tatsache, dass
der Gießener Anzeiger drei Tage lang über das Ereignis
berichtete - jeweils ganzseitig. Dies war dem ebenso
aufschlussreichen wie kurzweiligen Vortrag der
Kunsthistorikerin Dagmar Klein zu entnehmen, die beim
Oberhessischen Geschichtsverein über die Gießener Frauenvereine
zu Beginn des 20. Jahrhunderts berichtete.
Vorstandsmitglied Dr. Eva-Marie Felchow erinnerte in ihrer
Einführung daran, dass Dagmar Klein selbst Mitglied des OHG ist
und sich seit den 90er Jahren zudem als Stadtführerin
engagiert. Zwei Themen liegen ihr am Herzen: die
Sepulkralkultur mit Führungen über die Gießener Friedhöfe und
das Leben der Gießener Frauen. 2006 veröffentlichte sie eine
Untersuchung zu den Gießener Frauenvereinen mit dem Titel "Von
der organisierten Mütterlichkeit zur Staatsbürgerin". Dieses
Buch stellte auch die Grundlage ihres aktuellen Vortrags dar.
Dagmar Klein präsentierte nicht nur Zahlen und Fakten, sondern
stellte auch Zitate und "O-Töne" der Zeitgeschichte vor. In
einem Nachbericht zu der Frauenversammlung schrieb
beispielsweise Helene Krüger in der Bonner Zeitung: "Wie anders
als vor 20 Jahren: Der Männerhass hat sich gewandelt in
Männerfreundschaft. Helene Lange (die ADF-Vorsitzende)
vielleicht ein Bismarck im Frauenstaate...".
Zu Beginn ihres Vortrags wies Dagmar Klein darauf hin, dass
gleich zwei Jubiläen Anlass für den Vortrag seien: Vor 90
Jahren war in Deutschland das Wahlrecht für Frauen eingeführt
worden. Zehn Jahre vorher, am 22. Januar 1909 war die
Ortsgruppe Gießen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins
gegründet worden. Zur Vorgeschichte führte sie aus, dass in
Deutschland 1848/49 die ersten demokratischen Frauenvereine
entstanden, die allerdings nur kurzlebig waren. Ab 1850 galt
ein allgemeines Politikverbot für Frauen. Erst mit Lockerung
des Vereinsverbots 1890 und der Aufhebung des Politikverbots
1908 sind im Deutschen Reich vermehrt Gründungen von
Frauenvereinen zu beobachten. Zahlreiche Frauen des Bürgertums
engagierten sich in Fürsorge und Wohltätigkeit, was schon
damals "organisierte Mütterlichkeit" genannt wurde. Dazu kam
die später die Vertretung beruflicher Interessen und
staatsbürgerliches Engagement. In Gießen wie auch andernorts
waren hier vor allem die Lehrerinnen aktiv. Durch Ausbruch des
Ersten Weltkriegs kam das Engagement in Sachen
Gleichberechtigung vorerst zum Erliegen. Das neue Wahlrecht
ermöglichte den Frauen in der Weimarer Republik die Übernahme
gesellschaftlicher Verantwortung. Auch die langjährige
Vorsitzende des ADF in Gießen, Minna Naumann, engagierte sich
als Stadtverordnete. 1925 sind in der Ortsgruppe Gießen 179
Mitglieder registriert. In den Folgejahren gehen die
Aktivitäten, wie auch andernorts, zurück. Nach der Erringung
des Wahlrechts ist ein deutlicher Interessenrückgang
festzustellen, es fehlt der Nachwuchs. Mit der Machtübernahme
Hitlers ist es endgültig vorbei mit einer fortschrittlichen
Frauenpolitik: Einen Neuanfang gibt es erst in den 50er Jahren
unter neuen Vorzeichen.
Von Ursula Hahn-Grimm
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