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Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 2011, 96. Band: Auf 389 Seiten bietet der 96. Band der Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins in diesem Jahr wieder ein breites Themenspektrum. Diesmal liegt einer der Schwerpunkte in der Zeitgeschichte. Dem ersten Beitrag über die Gießener Soziologin und Frauenrechtlerin Henriette Fürth folgt ein Blick auf die Militärgeschichte Gießens, danach ein Beitrag zum Wiederaufbau Gießens nach 1945. mehr»»

Gießener Allgemeine, 9.2.2009

Akribisches zur Frauengeschichte
Vortrag von Dagmar Klein beim Oberhessischen Geschichtsverein

Zufrieden mit dem Besuch zeigte sich am Mittwochabend im Netanyasaal des Alten Schlosses Dr. Eva-Marie Felschow, die im Namen des Oberhessischen Geschichtsvereins die meist weiblichen Gäste zum Vortrag von Dagmar Klein begrüßte. Sie erinnerte daran, dass Klein nicht nur zum Vorstand des Geschichtsvereins gehört, sondern durch ihre Arbeit als Kunsthistorikerin und Kennerin der Frauengeschichte, als Stadtführerin und Journalistin einer breiten Öffentlichkeit geläufig ist. So könne ihr Vortrag »Von der organisierten Mütterlichkeit zur Staatsbürgerin. Gießener Frauenvereine zu Beginn des 20. Jahrhunderts« mehr als nur einen Überblick über dieses lange vernachlässigte Forschungsgebiet der Gießener Stadtgeschichte geben.
Klein bezeichnete die geleistete Forschung als »mühevolle Puzzlearbeit« und versprach, auf der Basis des 2006 von ihr mit Unterstützung durch die Frauenbeauftragte Ursula Passarge edierten Werkes »Von der Wohltätigkeit zum politischen Engagement« auch neuere Erkenntnisse mit einzubringen. Sie erinnerte daran, dass Vereine generell typisch für die zweite Hälfte des 19. Jhs. sind, als nach dem Scheitern der 1848er-Revolution unter dem Druck der Restauration ein Rückzug aus dem öffentlich-politischen Bereich in den privaten erfolgte. Nichtsdestotrotz wurden Vereine generell und besonders die von Sozialdemokraten, Studenten und Frauen von den an Preußen orientierten Regierungen misstrauisch beäugt. Das Vereinsgesetz enthielt sogar ein Politikverbot für Frauen, ab 1850 setzte die Phase der Gründung religiöser Vereine ein. Offiziell wurde 1852 der erste Gießener Frauenverein zur Unterstützung Armer und Kranker in Gießen gebildet, in kirchlicher Anbindung. Klein stellte klar, dass die Tätigkeit in der Wohlfahrt generell für die Frauenvereine typisch war, wobei der Vorstand nicht selten von Männern gestellt wurde, während die Frauen die Arbeit vor Ort leisteten, wie etwa beim 1882 umbenannten  Allgemeinen Verein für Frauen und Krankenpflege. Dieser heute noch bestehende Verein habe sehr viele Hilfsaktionen angestoßen und sich entsprechend um seine Klientel verdient gemacht. Als zweiter Verein wurde 1878 der Alice-Verein gegründet.
Die Referentin wies darauf hin, dass bei den ersten Frauenvereinen ein Netzwerk zwischen Bildungsbürgertum und Adel bis zum Hochadel bestand. Erst 1893 gelang es der SPD, das Frauenwahlrecht in ihr Programm aufzunehmen. 1908 erlaubten Preußen und Hessen das Universitätsstudium für Frauen. Frauen als kommunalpolitisch Handelnde würden erst heute so richtig wahrgenommen, stellte Klein fest.
Seit 1860 sei die Frauenfrage als Teil der sozialen Frage verstanden worden, wobei in Deutschland anders als in England radikal-feministische Positionen deutlich zurückgewiesen wurden. Auch beim richtungweisenden Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF), der 1865 in Leipzig gegründet wurde, stellten Frauen aus der Oberschicht mit konservativer Grundhaltung die Mehrzahl der Mitglieder. Sie sahen noch die eigentliche Bestimmung der Frau im Mutter-Dasein. Während der ADF der im Reich geltenden patriotistischen Linie treu blieb, spalteten sich  die Organisationen der Arbeiterschaft ab 1870 ab. Helene Lange stand als Vorsitzende lange für die am Praktischen orientierte Politik des ADF.
Ausführlich ging die Vortragende, die auf den Einsatz von Bildmaterial verzichtete, auf  die Gründung des Gießener Ortsvereins des ADF ein, die durch 48 Frauen am 22. Januar 1909 erfolgte. Hiervon waren nur vier Lehrerinnen und eine Prokuristin berufstätig. Eine der Haupttätigkeiten des von Minna Naumann maßgeblich geprägten Vereins bestand in der Organisation von Vorträgen. Der ganz große Wurf gelang den Mitgliedern des Frauenvereins mit der Ausrichtung der 27. Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins vom 5. bis 8. Oktober 1913 in Gießen.  Eine Ausstellung des Oberhessischen Kunstvereins mit Werken hessischer Künstlerinnen fehlte ebensowenig wie ein Besuch in der Nachbarstadt Wetzlar. Frauen berichteten aus der Praxis; über die Kommunalisierung der Arbeiten wurde ebenso diskutiert wie über die angemessene Bezahlung für Frauen. Klein sparte bei aller Fülle von Informationen auch heute kurios anmutende Aspekte der Frauengeschichte wie das »Wohltätigkeitsfasten« des Großherzogspaares nicht aus.
Der 1. Weltkrieg brachte schließlich auch Frauen des Mittelstandes in wirtschaftliche Not, in der Weimarer Republik folgte die Einführung des Frauenwahlrechts, die politischen Parteien bildeten eigene Frauenabteilungen, in Gießen wurden alle Vorstandsmitglieder des ADF gewählt. Der Nationalsozialismus verschonte auch die Frauenvereine nicht. Nach dem Untergang der NS-Diktatur wurde 1946 der deutsche Verband »Frau und Kultur« wiedergegründet, der ein reichhaltiges Programm anbietet und nicht zuletzt durch Vorträge an die überlieferte Frauenvereinstradition anknüpft. Der Vortrag ließ ahnen, welche intensive Forschungsarbeit hinter den Ergebnissen steht. hw (= Hans-Wolfgang Steffek)