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Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 2010, 95. Band: Mit dem rund 300 Seiten starken Mitteilungsband präsentiert der OHG auch in diesem Jahr wichtige Beiträge zu unterschiedlichen Themen. Der Bogen spannt sich von der Römerzeit mit den aktuellen Ergebnissen der Grabungen des Römerlagers in Dorlar über das Mittelalter und die frühe Neuzeit bis in die heutige Zeit mit dem Beitrag zur Geschichte der Heinrich-Cloos-Stiftung in Gießen. mehr»»
15. Oktober 2008
Dr. Markwart Herzog, Irsee
Fußball und Memorialkultur
Die Geschichte deutscher Fußballvereine reicht teilweise bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die großen Traditionsvereine können auf eine mehrere Generationen umfassende Historie zurückblicken. Damit erschließen sich die verschiedensten Felder der Erinnerung: in Festschriften der Rückblick auf bedeutende sportliche Erfolge oder Niederlagen, die in Statistiken und Tabellen erfassten Spielzeiten, das mit Worten wie „Weißt Du noch damals ...?“ eingeleitete Kameradengespräch im Vereinsheim. Archive und Museen gedenken der großen Spieler und Funktionäre, vergilbte Fotos veranschaulichen Vereinsgeschichte, Devotionalien machen sie sinnlich-materiell greifbar.

Die meisten Vereine gedenken an bestimmten Tagen der
Verstorbenen, errichten Gedenksteine und -tafeln, publizieren
Nachrufe, schalten Todesanzeigen, benennen Sportstätten nach
den Helden von einst. In Großbritannien hat sich eine
differenzierte Sepulkralkultur herausgebildet, die auch die
Bestattung verstorbener Vereinsmitglieder in den Stadien
vorsieht. Und in Deutschland werden erste Fan-Friedhöfe
errichtet.
Ein besonderer, politisch brisanter Aspekt ist mit dem Gedenken an jüdische Vereinsmitglieder vor 1945 gegeben. Die NSDAP versuchte, wenn auch mit begrenztem Erfolg, die Memoria jüdischer Sportler durch Verschweigen zu vereiteln. Instruktive Beispiele hierfür lassen sich in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bunds und insbesondere der Frankfurter Eintracht finden. Deshalb wird der Vortrag nicht nur auf die Memorialkultur des Fußballsports eingehen, sondern auch auf die ihr entgegen gesetzte Erinnerungspolitik der „damnatio memoriae“.
weitere Abbildungen:
- Celtic
Glasgow FC, Memorial Bricks an der Stadionwand des Celtic
Park
- Fan-Trikot statt "Kreuz am Straßenrand", Erinnerungsstätte für einen tödlich Verunglückten in Südwestschottland, Sommer 2008
- Privates Erinnerungsfoto am Gefallendenkmal, auf dem Betzenberg in Kaiserslautern, ca. 1930
alle Abbildungen: © Markwart Herzog, Irsee
Dr. Markwart Herzog ist wissenschaftlicher Bildungsreferent der Schwabenakademie Irsee (seit 1997). Er studierte Philosophie, Theologie und Kommunikationswissenschaften in München, war 1989-1997 wissenschaftlicher Assistent an der Hochschule für Philosophie in München, 1989-1994 am Institut für Fundamentaltheologie und Ökumene der Universität München. 1995 erfolgte seine Promotion in Religionsphilosophie mit einer Arbeit über die philosophischen Deutungen der Höllenfahrt Jesu Christi in der Frühen Neuzeit („Richard-Schaeffler-Preis“ 1997). Zahlreiche Veröffentlichungen über Themen der Religions-, Medizin-, Sport- und Strafrechtsgeschichte. Er ist Mitherausgeber der Irseer Dialoge, zuletzt erschien: Fußball zur Zeit des Nationalsozialismus: Alltag – Medien – Künste – Stars (Bd. 13), Stuttgart 2008.
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