Prof. Dr. Volker Wissemann
400 Jahre Hortus Botanicus Gießen – Die Entwicklung des Botanischen Gartens der Ludoviciana im Kontext der Biologiegeschichte
Botanische Gärten sind dynamische Orte, in denen auf
mehreren Ebenen Wissensvermittlung und Wissenserweiterung
stattfindet. Dabei treten in der Grundstruktur zumeist zwei
Komponenten in den Vordergrund. Einerseits der lokal und
individuell durch das Direktorat geprägte Forschungsanteil,
andererseits der globale Aspekt, bei dem für Lehrzwecke
Sammlungen aufgebaut werden, die in Bezug zur allgemeinen
Biologieforschung und damit zur Grundausbildung stehen. Beide
Bereiche können deckungsgleich sein, sind es aber in den
meisten Fällen nicht.
Am Beispiel des Botanischen Gartens Gießen und seiner
Direktoren wird gezeigt, wie unterschiedlich ausgeprägt die
Verzahnung dieser beiden Bereiche in den Jahrhunderten
auftritt. So haben beispielsweise Joh. Bernhard Wilbrand und
August F.M. Ritgen unter dem starken Eindruck der Entdeckung
der Pflanzengeographie Humboldts ein Gemälde schaffen lassen:
„Gemaelde der organischen Natur in ihrer Verbreitung auf der
Erde“, gewidmet Goethe, Humboldt und Blumenbach, das die
Universität bzw. den Garten in direkten Kontext zur führenden
Forschung setzt.
Schwerpunkte der allgemeinen Biologiegeschichte seit 1609
bilden sich im Botanischen Garten Gießen in der zeitlich
unterschiedlichen Betonung pflanzensystematischer,
vegetationskundlicher, floristischer, geobotanischer,
morphologischer, phänologischer, diversitätsbetonter oder
evolutionsbiologischer Sammlungen im Botanischen Garten ab.
Sammlungen, ohne die der Anschluss der Studierenden an die
allgemeine Entwicklung der Biologie nicht möglich ist und die
forschungsbedingt starken Wandlungen unterworfen sind,
grundsätzlich jedoch von einer allgemeinen und Struktur
gebenden Konstanz sind. So muss prinzipiell jeder universitäre
Botanische Garten ein Pflanzensystem besitzen, die Struktur des
Systems jedoch wechselt im stetigen wissenschaftlichen Diskurs.
Anders hingegen die Spezialforschungssammlungen, die häufig
nicht den Wechsel unter ein neues Direktorat überstehen, sofern
sie nicht unter didaktischen Aspekten in Lehrsammlungen
überführt werden können.
Der Referent, Prof. Dr. Volker Wissemann, war zunächst Gärtner der Fachrichtung Blumen- und Zierpflanzenbau bevor er sich dem Studium der Agrarwissenschaften, Wissenschaftsgeschichte und Biologie an der Universität Göttingen zuwandte. Er habilitierte an der Universität Jena über Hybridisierung als Evolutionsfaktor bei Pflanzen. Seit April 2007 lehrt er Spezielle Botanik an der Universität Gießen. Zahlreich sind seine Veröffentlichungen (ca. 150) zur Evolution des Pflanzenreichs, Reproduktionsbiologie, Hybridisierung und Polyploidie sowie Geschichte und Theorie der Biologie. Er war 2002-2008 (stellvertretender) Sprecher der Sektion Biodiversität und Evolutionsbiologie in der Deutschen Botanischen Gesellschaft (DBG), ist zudem Mitglied zahlreicher Fachgesellschaften. 2003-2007 war er Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie (DGGTB), 2008 Leiter für das Biohistoricum, eine Forschungsstelle für die Geschichte der Biologie im Forschungsmuseum Alexander Koenig, Bonn.
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