Gemüsebeet und Federvieh – Buntes Leben in den Hinterhöfen der Streifenhäuser eines römischen Kastelldorfs
Die von einem alten Neckarbett umschlossene hochwasserfreie Terrasse der Flur "Auf Esch" im Süden der Kreisstadt Groß-Gerau ist eine der fundreichsten archäologischen Stätten Südhessens. Besondere Bedeutung kommt dem Areal im 1.-4. Jahrhundert n. Chr. als an dieser Stelle eine der heute am besten untersuchten römischen Siedlungen Hessens existierte. Die römische Armee errichtete dort um 75 n. Chr. ein Kastell für eine 500 Mann starke Einheit. Vor dessen Toren entstand ein ziviles Lagerdorf. Hier siedelten sich neben den Familien der Soldaten unter anderem Handwerker, Händler und Gastwirte an. Bis zum Abzug des Militärs im frühen 2. Jh. entwickelte sich am Ort eine florierende antike "Reihenhaussiedlung" mit Wohn- und Geschäftsbauten, einem Bad, Handwerksbetrieben und Speichern. In ihrer Blütezeit war es die bedeutendste Siedlung Südhessens. Diese bestand auch nach dem Abzug der Soldaten bis in die Mitte des 3. Jhs. hinein weiter. Im 4. Jh. wurden Teile des Areals von Germanen neu aufgesiedelt.
Die Ergebnisse der Ausgrabungen des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen, des Saalburgmuseums und der Goethe-Universität Frankfurt/M. erlauben eine verlässliche Rekonstruktion der Entwicklung der Siedlung sowie ihrer Struktur. Dank umfangreicher naturwissenschaftlicher Untersuchungen ist es darüber hinaus möglich, einen detaillierten Einblick in die Lebensumstände der Bevölkerung in römischer Zeit zu erhalten. Die Funde geben nicht nur Auskunft über die wirtschaftlichen Grundlagen der Siedlung und die Handelswege, auf denen Güter nach Groß-Gerau gelangten, sondern auch über den "Speisezettel" der Bevölkerung und den Naturraum in römischer Zeit. Um diese Fragen zu beleuchten, bedarf es eines Blicks in die Hinterhöfe der antiken Streifenhäuser. Hier gab es Gärten und Ställe, Werkstätten und Einrichtungen zur Vorratshaltung, hier tummelten sich Hühner, Schweine und sonstige Haustiere. Die Untersuchung zeigt, wie spannend und erkenntnisreich der Blick weg von den "Schauseiten" der Wohnhäuser antiker Siedlungen in Germanien sein kann.
Zur Person:
Dr. des. Carsten Wenzel leitete die Grabungen der Universität
Frankfurt in Groß-Gerau. Er wurde für seine Dissertation zur
Siedlung des 1.-3. Jahrhunderts "Auf Esch" im Jahr 2007 vom
Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sowie den
Altertumsfreunden im Regierungsbezirk Darmstadt e. V. mit dem
Eduard-Anthes-Preis ausgezeichnet. Derzeit arbeitet er im
Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft
geförderten Projektes an der Abt. II des Instituts für
Archäologische Wissenschaften der Universität Frankfurt a. M.
die Befunde und Funde des 4. Jahrhunderts von "Auf Esch"
auf.
Pressespiegel zum Vortrag:





