9. November 2011 um 20 Uhr
Achtung: entgegen des unten angegebenen
Veranstaltungsortes findet der Vortrag im
Margarete-Bieber-Saal, Ludwigstr. 34
statt!
Prof. Dr. Siegfried Becker, Universität Marburg
Die Lahn ruft - Ein Gießener Sagenmotiv und seine Geschichte
Von der Lahn, die einmal bis an die Gießener Neustadt heranreichte (fast bis an „Oßwalds Garten"), wurde früher erzählt, sie fordere jedes Jahr ein Opfer und kündige den Tod eines Menschen durch Ertrinken zuvor mit langen, dumpfen und hohlen Tönen ihrer Strudel an. Otto Ubbelohde brachte 1914 in der Hessen-Kunst eine Federzeichnung zu dieser Sage. Sie zeigt eine Frau beim Wäschewaschen, also bei der immer wiederkehrenden, schweren und gefährlichen Arbeit, und eine Nixe, die hier gedacht ist als Personifikation des Flusses, greift nach ihr.
Sage und Illustration sind in komplexen Zusammenhängen zu sehen, die von antiken und mittelalterlichen Dämonenvorstellungen bis zu den pantheistischen Naturdeutungen um 1900 reichen. Im Vortrag sollen die theologischen und naturwissenschaftlichen Diskurse der frühen Neuzeit, die Wege der Überlieferung von der hessischen Chronistik bis zu den Brüdern Grimm, vor allem aber die Deutungsinteressen in der Zeit der Hochindustrialisierung am Beginn des 20. Jahrhunderts betrachtet werden. Zudem hat das Thema eine erstaunliche Aktualität, wird doch auch heute wieder die Opfer-Metapher bemüht, wenn die Jahrhunderthochwasser als Sintflutereignisse und damit als Strafe gedeutet werden. Doch wir müssen der Natur keine mythische, keine dämonische Aura mehr zuschreiben, um zu begreifen, dass die vom Menschen bedrohten Ökosysteme bedrohliche Klimaveränderungen und Wetterereignisse hervorbringen und die Überschwemmungen bis weit in die Städte ausgreifen, deren Weichbilder in die Auen der Flüsse hineingerückt sind.
Prof. Dr. Siegfried Becker,
geb. 1958, verheiratet, zwei Kinder. Studium der
Volkskunde/Europäischen Ethnologie, Geschichtswissenschaft und
Geographie in Marburg, Promotion 1986, Habilitation 2000, apl.
Professor 2005. Seit 1989 Wissenschaftlicher Angestellter am
Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der
Philipps-Universität Marburg, Betreuung der Sammlungen, u.a.
des Zentralarchivs der deutschen Volkserzählung. Vorsitzender
der Hessischen Vereinigung für Volkskunde; Herausgeber der
Marburger Beiträge zur Kulturforschung/Archivschriften.
Mitglied der Historischen Kommission für Hessen, des
Landesdenkmalrates und des Beirates für geschichtliche
Landeskunde im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und
Kunst; Mitglied des Beirates des Freilichtmuseums Hessenpark;
Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission im Verein für
hessische Geschichte und Landeskunde, Kassel, sowie
Vorstandsmitglied im Zweigverein Marburg; Beiratsmitglied der
Gesellschaft für Kultur und Denkmalpflege/Hessischer
Heimatbund. Otto-Ubbelohde-Preis des Landkreises
Marburg-Biedenkopf 1995. Arbeitsschwerpunkte: Regionalforschung
(Hessen, böhmische Länder, Ungarn, Österreich), Natur und
Kultur, Erzählforschung, ländliche Sozialgruppen, materielle
Kultur. Zahlreiche Veröffentlichungen in wissenschaftlichen
Schriftenreihen und Zeitschriften.
Pressespiegel:
Gießener
Allgemeine Zeitung vom 11. Novemberg 2011.
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