15. Februar 2012
Paul-Martin Lied, Lich
Architektur der fünfziger Jahre in Gießen
Gotik und Barock waren abwertende Stilbezeichnungen der jeweils folgenden Periode. Wäre ein Begriff für die Architektur der Fünfziger Jahre in letzter Zeit zu suchen gewesen, dann hätte er ähnlich negativ ausfallen können. Die Mode, Autos und Gebrauchsgegenstände dieser Zeit haben allgemein wieder viele Liebhaber/innen gefunden. Wie steht es mit der Architektur?
Untypisch für Vorträge im Oberhessischen Geschichtsverein: das Thema berührt uns eher subjektiv. Wir finden die Architektur angenehm schlicht oder schnöde und belanglos, elegant oder altmodisch, die städtebaulichen Planung zu langweilig, zu autofreundlich oder schön durchgrünt, die Gebäude erinnern uns an bescheidene Zeiten oder sind das Gesicht der Stadt, wie wir es in der Kindheit kennengelernt haben. Aber nicht anders als bei historischen Monumenten, auf die wir üblicherweise weniger emotional reagieren, wird im Vortrag nach den Entwicklungssträngen, den Hintergründen und der Logik gesucht, warum die eine oder andere Entscheidung in den Fünfziger Jahre getroffen wurde.
Vier Aspekte seien genannt. Die Bautätigkeit der Fünfziger Jahre wurde durch die Not geprägt. Es musstn schnell, mit sparsamen Materialeinsatz, Wohnungen und Geschäftslokale entstehen. Vorfabrikation und normiertes Bauen kamen zum Einsatz, die im Dritten Reich zur Besiedelung des Ostens aber auch in Hinblick auf den Wiederaufbau zur Serienreife entwickelt worden waren. Konzipiert wurden sie bereits in den Zwanziger Jahren im Bauhaus in Weimar, um komfortable Wohnungen kostengünstig für jedermann bauen zu können.
Erfahrene Architekten, die auch in den Jahren des Dritten Reiches schon gebaut hatten, übernahmen zumeist die Planung. Manche entwarfen anders, andere blieben ihren Prinzipien treu. Alles sollte besser werden. Nur wie - das war der Streitpunkt (und ist es noch heute). In Gießen wechselten sich verschiedene Wiederaufbaupläne ab, die im Vortrag vorgestellt werden. Beschwingte Formen und pastellfarbenfrohe Leichtigkeit drückten nach dunklen Jahren ein neues Lebensgefühl aus. In Gießen genoss man Kaffee und Kuchen beim Blick über die Stadt. Das Dachcafé ist mittlerweile in neuem Glanz wieder entstanden. Neuer Würdigung harrt allerdings noch die ‚alte‘ Universitätsbibliothek, die zu den hervorragenden Gebäuden der fünfziger Jahre in der Bundesrepublik zählt. Es ist wohl auch das einzige Gebäude in Gießen, das durch einen Bundespräsidenten (Theodor Heuss) eingeweiht wurde. Vielleicht ist die Zeit nun reif, die Eleganz aber auch die Schlichtheit der Architektur der Fünfziger Jahre neu zu würdigen und dieses Erbe anzunehmen.
Paul-Martin Lied,
geb. 1963 in Gießen, als Lehrerskind zunächst aufgewachsen in
Ruppertenrod (jetzt Gemeinde Mücke, Vogelsbergkreis), dann in
Großen-Buseck, Grabungshelfer bei Manfred Blechschmidt, Abitur
an der Gesamtschule Gießen Ost, 1982-1990 Architekturstudium an
der TU Darmstadt, Zivildienst in Nieder-Ramstadt, 1991-1993
Architekt in München, 1993-2004 Architekt in den Niederlanden
(Delft und Rotterdam), 2004 Rückkehr nach Deutschland, Wohnort
Lich, seitdem freier Architekt; Seit 2000 Architekturführungen,
seit 2005 im Rhein-Main-Gebiet, auch in Gießen und Lich,
Architekturvorträge, Mitarbeit in verschiedenen baukulturellen
Initiativen
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