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17.1.2018, Zielinsky, Gießen: Johannes Haller als Ordinarius an der Gießener Philosophischen Fakultät (1904-1913)

Johannes Haller als Gießener Professor 1904
Johannes Haller (1865-1947) zählte in der Zwischenkriegszeit zu den bekanntesten und meistgelesenen deutschen Historikern. Sein populärstes Buch „Epochen der deutschen Geschichte“ (1923) hatte 1942 die Auflage von 100.000 Exemplaren überschritten. Als Haller 1904 nach Gießen berufen wurde, war sein Rang als herausragender Gelehrter unbestritten.
Foto: www.Wikipedia.de: Johannes Haller als Gießener Professor, Foto 1904

17. Januar 2018

Johannes Haller als Ordinarius an der Gießener Philosophischen Fakultät (1904-1913)

Prof. Dr. Herbert Zielinski, Gießen

Johannes Haller (1865-1947) zählte in der Zwischenkriegszeit zu den bekanntesten und meistgelesenen deutschen Historikern. Sein populärstes Buch „Epochen der deutschen Geschichte“ (1923) hatte 1942 die Auflage von 100.000 Exemplaren überschritten. Noch heute gilt sein Alterswerk, die Geschichte des Papsttums, als Meisterwerk der Darstellungskunst. Das unvollendete Werk wurde zuletzt 1965 im Rahmen von „rowohlts deutscher enzyklopädie“ neu aufgelegt.

Geboren 1865 als Sohn eines baltendeutschen Pfarrers im damals russischen Gouvernement Estland, war Haller 1890 angesichts des wachsenden Russizifierungsdrucks ins Deutsche Reich ausgewandert. Seinen ursprünglichen Wunsch Berufsmusiker zu werden hatte er zu diesem Zeitpunkt zugunsten eines Geschichtsstudiums bereits aufgegeben. Über Berlin, Heidelberg, Rom und Basel, wo er sich 1897 habilitierte, war er im Oktober 1902 als Extraordinarius für mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an die preußische Universität Marburg gekommen. Zwei Jahre später wurde er zum Wintersemester 1904/05 auf den Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte der großherzoglich-hessischen Landesuniversität in Gießen berufen. Seine unsteten Wanderjahre mit prekären beruflichen Perspektiven und Provisorien war damit beendet.

In Gießen gründete er im Alter von fast 40 Jahren mit seiner aus Basel stammenden Ehefrau eine Familie, hier kamen in kurzen Abständen seine vier Kinder zur Welt. 1913 nahm er einen Ruf an die Universität Tübingen an, wo er bis zu seiner Emeritierung 1932 lehrte. Nach dem Beginn des 1. Weltkriegs entwickelte er sich vom eher unpolitischen zum dezidiert politischen Historiker, der als prominenter rechtskonservativer Publizist mit seiner Arbeit gewissermaßen an der „Heimatfront“ kämpfte und nach dem Krieg die Entwicklung in der ungeliebten Weimarer Republik kritisch kommentierte.

Als Haller 1904 nach Gießen berufen wurde, war sein Rang als herausragender Gelehrter, der sich insbesondere mit seinen Forschungen zum spätmittelalterlichen Reformkonzil von Basel (1431–1449) einen Namen gemacht hatte, unbestritten. Wenn sich die Gießener philosophische Fakultät über seine Berufung dennoch tief zerstritten hat, so lag dies an seiner kantigen, zur Polemik neigenden Persönlichkeit. Haller galt als „schwierig“. Mit seiner kompromisslosen Art blieb er Zeit seines Lebens ein Außenseiter in der Historikerzunft. Es war insbesondere dem Einfluss des bedeutenden Gießener Germanisten Otto Behaghel (1854-1936) zuzuschreiben, dass sich Fakultät und Senat schließlich mit großer Mehrheit auf Haller als neuen Ordinarius für Mittelalterliche Geschichte verständigten. Im gegnerischen Lager versuchte der weit über Gießen bekannte, damals bereits betagte Neuzeithistoriker Wilhelm Oncken (1838-1905), der unmittelbare Fachkollege des zu berufenden Mediävisten, vergeblich die Berufung Hallers zu verhindern.
An seiner neuen Wirkungsstätte hat Haller von 1904 bis 1913 zwar keine größere Arbeiten publiziert, aber zahlreiche Dissertationen betreut und sich insbesondere um den Ausbau der Seminarbibliothek verdient gemacht. Sein Verhältnis zu Gießen war eher ambivalent. Einerseits fiel es ihm schwer, sich an den provinziellen Charakter von Stadt und Universität zu gewöhnen, andererseits empfand er später Heimweh nach Gießen, wie er dem mit ihm befreundeten Gießener Kunsthistoriker Christian Rauch (1877-1976) später bekannte. War schon Hallers Berufung nach Gießen ein Vorgang, der die philosophische Fakultät tief zerstritten hat, so kam es bei seinem Fortgang nach Tübingen 1913 erneut zum Streit. Haller, der selbst in der Berufungskommission saß, die über seine Nachfolge zu entscheiden hatte, - was damals üblich war - , geriet diesmal in Konflikt mit seinem Ziehvater Behaghel. Nachfolger Hallers wurde 1913 der von ihm favorisierte Robert Holtzmann (1873-1946), während der von Behaghel vorgezogene Marburger Historiker Albert Brackmann (1871-1952) den Kürzeren zog. Haller selbst hat später die damaligen Auseinandersetzungen als sein „häßliches Finale“ in Gießen bezeichnet.

Über die strittigen Berufungen Hallers und Holtzmanns gibt es im Universitätsarchiv Gießen umfangreiche Akten, die mit ihren diversen Gutachten, Stellungnahmen und Originalbriefen einen packenden Blick hinter die Kulissen der Gießener philosophischen Fakultät am Vorabend des 1. Weltkriegs ermöglichen.

Dr. HERBERT ZIELINSKI, geb. 1947 in Herne/Westfalen, studierte Romanistik und Geschichte ab SS 1966 in Gießen und Münster. Für seine Promotion befasste er sich mit Studien zu den spoletinischen „Privaturkunden“ des 8. Jahrhunderts und ihrer Überlieferung im Regestum Farfense (publiziert 1972). Für seine Habilitation in Gießen mit dem Thema „Der Reichsepiskopat in spätottonischer und salischer Zeit (1002-1125)“ (publiziert 1984). Seit SS 1971 lehrt er als Wiss. Mitarbeiter, seit SS 1981 als Privatdozent, seit SS 1990 als außerplanmäßiger Professor am Historischen Institut der Universität Gießen. Diverse Forschungsprojekte und damit verbundene Reisen nach Italien.
Von 1979 bis 2012 war er Mitarbeiter der Deutschen Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii e.V., bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz (Ar­beitsplatz Gießen). Sein Tätigkeitsbereich: Regesten der italischen und burgundischen Könige der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts.

Der Vortrag findet um 19.00 Uhr im Netanya-Saal des Alten Schlosses am Brandplatz in Gießen statt. Der Eintritt ist kostenlos.