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Aktuelles

Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 2010, 95. Band: Mit dem rund 300 Seiten starken Mitteilungsband präsentiert der OHG auch in diesem Jahr wichtige Beiträge zu unterschiedlichen Themen. Der Bogen spannt sich von der Römerzeit mit den aktuellen Ergebnissen der Grabungen des Römerlagers in Dorlar über das Mittelalter und die frühe Neuzeit bis in die heutige Zeit mit dem Beitrag zur Geschichte der Heinrich-Cloos-Stiftung in Gießen. mehr»»
Zur Entwicklung des Oberhessischen Geschichtsvereins
Die Gründung des Oberhessischen Geschichtsvereins erfolgte im Juni 1878 im Café Ebel hinter dem Stadtkirchenturm.
Freilich hatte dieser Verein bereits einen Vorläufer, denn am 19. Juni 1861 erschien folgende Anzeige in der Darmstädter Zeitung:
"Historische Gesellschaft für Gießen:
Unter obigem Namen ist eine Anzahl hiesiger
Geschichtsfreunde zu dem Zweck zusammengetreten, die
Geschichte Gießens und der Umgegend (Schiffenberg,
Gleiberg, Buseckerthal) möglichst aus ihren unmittelbaren
Quellen zu erforschen. Da es hierbei zunächst auf
Vervollständigung des vorhandenen Materials sehr wesentlich
ankommt, die Erfahrung aber lehrt, daß oft sehr schätzbare
historische Aktenstücke unbenutzt und unbeachtet sich in
unbekannter Hand befinden:
so ergeht hiermit unsere ergebenste Bitte an alle
Geschichtsfreunde, für die Benutzung ungedruckten
Materials, das auf unseren Gegenstand Bezug hat, sei es im
Besitz von Corporationen oder von Privaten, nach Kräften
uns Förderung zu gewähren. Insbesondere werden wir die
abschriftliche oder leihweise Mitteilung älterer
Originalurkunden dankbar erkennen, aber auch
Familienaufzeichnungen soweit sie das Allgemeine betreffen,
auch wenn sie auf den ersten Blick nicht sehr erheblich
scheinen, alte Wochenblätter und selbst einfache
Nachweisungen über das Vorhandensein einschlagender
Schriften und Aktenstücke über den Ort, wo sie sich
befinden, werden uns willkommen sein.
| Gießen, den 16. Juni 1861 | Der Vorstand der historischen | |
| Gesellschaft für Gießen | ||
| Dr. Soldan Dr. Thudichum" |
Dieser Aufruf an die Bevölkerung, an der Erforschung heimischer Geschichte mitzuarbeiten und zu helfen, verschollene historische Quellen zu erschließen, zeigt uns, daß in Gießen lokalhistorische Forschungen bereits vor der Reichsgründung betrieben wurden.
Die "Historische Gesellschaft für Gießen" hat zweifellos das große Verdienst, erstmals wesentliche Daten und Fakten zur Geschichte der Stadt Gießen in gemeinsamer Arbeit engagierter Geschichtsfreunde zusammengetragen zu haben. Aus dieser Tätigkeit erwuchs - unter der Federführung des Hofgerichtsrats Dr. Kraft - das handschriftlich verfaßte, dreibändige Gießener Urkundenbuch. Darüber hinaus konnte Kraft auch eine "Geschichte von Gießen" beginnen, deren erster Teil (bis 1265) allerdings erst nach seinem Tod erschien und leider keine Fortsetzung fand.
Die Gründung der "Historischen Gesellschaft für Gießen" ging maßgeblich auf Anregungen des bereits 1834 entstandenen "Historischen Vereins für Hessen" in Darmstadt zurück, der in den größeren Städten des Landes durch Zweigvereine seine Basis zu erweitern suchte. Vom Juli 1861 ist uns eine namentliche Liste von 34 Mitgliedern überliefert. Die locker gefügte Vereinigung von meist wissenschaftlich arbeitenden Historikern suchte noch nicht den Kontakt mit der Bevölkerung durch Vorträge oder die Herausgabe einer Zeitschrift. Ihre rege Tätigkeit hat aber sicher den Boden bereitet, auf dem dann 1878 die Gründung eines örtliche Geschichtsvereins erfolgen konnte.
"Diejenigen Herren, welche sich für die Gründung eines
Oberhessischen Vereins für Lokalgeschichte interessieren,
werden hierdurch eingeladen, sich Samstag, den 15. Juni
abends 8 Uhr zu einer Besprechung im Café Ebel einzufinden.
Dr. W. Oncken, Dr. C. Gareis, Dr. Bockmann, Bramm, Irle"
Diesem am 13. Juni 1878 im Gießener Anzeiger erschienenen Inserat folgten ca. 40 Herren und gründeten den "Oberhessichen Verein für Lokalgeschichte", der sich bei der Hauptversammlung vom 22. Februar 1889 in "Oberhessischer Geschichtsverein" umbenannte.
Seit der Vereinsgründung gehören Ausflugsfahrten zu geschichtlichen und kunsthistorischen Denkmälern der engeren und weiteren Heimat zu den wichtigsten Aufgabengebieten. Bereits am 13. Juli 1878 hatte der erste Ausflug zur Kapersburg (Vordertaunus) stattgefunden, wo sogar mit Ausgrabungen begonnen wurde. Ebenfalls bereits im Jahre 1878 wurde die Reihe der Vortragsveranstaltungen begonnen, die damals der erste Vorsitzende der jungen Vereins, der Rechtshistoriker Gareis, mit einem Referat über Pfahlgrabenkastelle einleitete. Ausflugsfahrten und Vorträge blieben bis heute die in die breite Öffentlichkeit hineinwirkenden Angebote des Oberhessischen Geschichtsvereins.
Bereits ein Jahr nach seiner Gründung schuf sich der "Oberhessische Verein für Lokalgeschichte" seinen Jahresbericht, der bis 1889 in 5 Folgen erschien.
Mit der Umbenennung des Vereins im Jahre 1889 änderte sich auch der Name seiner Publikation. Aus den "Jahresberichten des Oberhessischen Vereins für Lokalgeschichte" wurden die "Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins" (MOHG), die sich durch zahlreiche wissenschaftlich fundierte Abhandlungen in der Fachwelt einen Namen gemacht haben. Wesentlichen Anteil daran hat der Schriftentausch mit Geschichtsvereinen und Bibliotheken im In- und Ausland. Schon 1888 war die vereinseigene Bibliothek vertraglich an die Universitätsbibliothek übergegangen, damit war auch der Austausch von Publikationen vom Staat übernommen worden, der dafür dem Verein einen entsprechenden Zuschuß zu zahlen hatte.
Dr. Karl Ebel hat im 29. Band der "Mitteilungen..." (1930) eine Liste von 249 Tauschpartnern veröffentlicht. Im 38. Band 1942 berichtete Dr. Erwin Schmidt, langjähriges verdientes Vorstandsmitglied des Oberhessischen Geschichtsvereins, über die Tauschbeziehungen nach dem Stand vom Ende des Jahres 1939, also etwa zu Beginn des zweiten Weltkriegs. Unter 254 Empfängern der "Mitteilungen..." befanden sich 76 außerhalb der damaligen Reichsgrenzen. Der zweite Weltkrieg brachte dann den Tauschverkehr zum Erliegen, vor allem auch, weil von 1942 bis 1953 keine Folge der "Mitteilungen..." mehr erscheinen konnte. Doch Mitte der 50er Jahre setzten die Tauschbeziehungen wieder ein, und im 53./54. Band (1961) konnte Diplom-Bibliothekar O. Fleckenstein insgesamt 241 Vereine, Bibliotheken und ähnliche Einrichtungen im In- und Ausland aufzählen, die ihrerseits 531 verschiedene Publikationen an die Universitätsbibliothek lieferten. 1978 gingen die "Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins" an knapp 300 Tauschpartner in aller Welt.
Der Gießener Gerschichtsverein begann seinen Weg mit einem Jahresbeitrag von 3 (Gold)mark und dieser Satz wurde bis zum Beginn der 30er Jahre beibehalten; lediglich für die Mitglieder, denen eine zweite Zeitschrift monatlich zugestellt wurde, erhöhte sich der Beitrag ab 1926 auf 6 RM. Trotz dieses vergleichsweise niedrigen Jahresbeitrags konnte der Verein neben den geschilderten Aufgabengebieten auch noch in Bereichen tätig werden, die ihm heute aus personellen und materiellen Gründen weitgehend verschlossen sind oder deren Durchführung inzwischen andere Institutionen übernommen haben. Aus der Fülle dieser Tätigkeiten, die zumeist unentgeltlich und ohne Vorteile für den Verein geleistet wurden, seien hier nur exemplarisch erwähnt:
- Die Inventarisierung oberhessischer Stadt- und Gemeindearchive, die im Sommer 1892 begonnen wurde und die auch eine intensiver Aufbereitungsarbeit der Gießener Archivalien durch den verdienstvollen Lokalhistoriker und späteren ersten Vorsitzenden Dr. Karl Ebel mit sich brachte.
- Die Bildung einer Sektion für hessische Volkskunde, aus der sich dann 1901 die "Hessische Vereinigung für Volkskunde" entwickelte.
- Die Aufnahme der Universitätsgeschichte in das Aufgabengebiet des Vereins, die ihren besonderen Ausdruck in dem Band 15 (1907) der "Mitteilungen ..." fand, der als Festschrift zum 300. Jubiläum der Universitätsgründung erschien. Diese Tradition hat von der Zeit der Gründung bis in unsere Tage eine enge Verbindung von Oberhessischem Geschichtsverein und der Universität mit sich gebracht, die sich zum einen in der langen Reihe der Professoren zeigt, die den Verein führten oder ihm im Vorstand dienten, zum anderen sich bis in die jüngste Zeit immer wieder niederschlägt in wissenschaftlichen Beiträgen von Universitätsangehörigen.
- Eine besonderen Raum bei den Aufgaben, die sich der
Oberhessische Geschichtsverein stellte, nahm in der Zeit
vor dem Ersten Weltkrieg die Sorge um die Erhaltung von
Baudenkmälern ein.
- So ist es seinen beharrlichen Eingaben zu verdanken, dass das berühmte Alsfelder Rathaus nicht abgebrochen wurde.
- Die Basilika der Augustiner-Chorherren auf dem Schiffenberg, heute das kunsthistorische Kleinod auf dem Hausberg der Gießener, die bis 1884 als Scheune mißbraucht wurde, konnte von der Verpachtung als Wirtschaftsgebäude ausgenommen und dadurch vor mutmaßlicher Zerstörung bewahrt werden.
- Während der Amtsperiode Hugo v. Ritgens, des Restaurators der Wartburg, als 1. Vorsitzender des Oberhessischen Geschichtsvereins (1883-1889) wurden mit Hilfe von Stiftungen und finanziellen Zuwendungen wesentliche Baumaßnahmen an der Ruine des Gleibergs vorgenommen.
- 1883 konnte durch Bewilligung von 100,- Mark die Ruinenmauer der Badenburger Mühle gerettet werden, deren Abbruch der Besitzer wegen Einsturzgefahr verlangt hatte.
- Den bedeutendsten Erfolg bei seinen Bemühungen um die Erhaltung von Bausubstanz errang der Geschichtsverein aber durch einen massiven Protest gegen den Plan der hessen-darmstädtischen Regierung im Jahre 1891, das Alte Schloss am Brandplatz in Gießen abzubrechen. Nach langen Verhandlungen gelang es schließlich, das Schloss ohne Kaufpreis in städtisches Eigentum zu übernehmen, freilich mit der Auflage, es wiederherzustellen und für alle Zeiten zu erhalten. Das Schloss bot Platz für eine würdige Unterbringung des vom Verein begründeten und betriebenen Museums.
- Die Einrichtung eines Museums gehörte zu den ersten Aufgaben, die sich der Verein stellte. Bereits auf seiner zweiten Sitzung wurde der Beschluss gefasst, "ein Museum für prähistorische und antike Funde" zu errichten. Sogleich fanden sich freiwillige Helfer für den Aufbau der Sammlungen und aufgeschlossene Mitglieder stellten Privatstücke zur Verfügung. Schon am 2. Februar 1879 konnte das Museum in einigen Räumen, die die Stadt Gießen hierfür im alten Rathaus hergerichtet hatte, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. 1905 erfolgte der Umzug ins inzwischen hergerichtete Alte Schloss.
- Im April 1899 stiftete der Vorstand einen Preis von 500,- Mark für eine Arbeit über die Geschichte des Schiffenberges als Augustinerkloster und Deutschordensniederlassung. Aus diesem Preisausschreiben ging die grundlegende Untersuchung von Hermann Kalbfuß hervor (MOHG 17 (1909) und 18 (1910)).
Im Dezember 1944 fiel der fast druckreife Band 39 der "Mitteilungen..." mit dem Archiv und den Geschäftspapieren des Vereins dem Krieg zum Opfer.
Es ist das Verdienst von Dr. Karl Glöckner, Vorsitzender seit 1934, dass die Vereinsarbeit 1949 wieder beginnen konnte. 1953 erschien der erste Nachkriegband der "Mitteilungen...". Bald konnten auch die Ausflugsfahrten wieder planmäßig aufgenommen werden, und die Mitgliederzahl nahm langsam aber stetig zu.
Die Darstellung stützt sich auf: Knauß, Erwin: 100 Jahre Oberhessischer Geschichtsverein. 15. Juni 1878 - 15. Juni 1975, in : MOHG N. F. 63 (1978), S. 1 - 15
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